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Gescrambelt in Venedig
Zugegeben, es kann sehr nass sein in Venedig. Vor allem, wenn es schüttet und Hochwasser dazu kommt. Manche Stadtgebiete sind dann nicht erreichbar, außer man hat knietiefe Gummistiefel. Ein Samstag im November war so ein Tag. Museen waren wetterbedingt brav und mit immer müder werdenden Schritts besucht worden und dann…:
Irgendeine wohlmeinende Seele hat in einem der Stadtpläne von Venedig die Zeile hineingerückt:
„Circolo Bridge Venezia – Campo S.ta Maria del Giglio 2473.”
Also nichts wie hin. Vornehme Gegend im Zentrum, ein paar Schritte vom Canal Grande. Das Clublokal in einem Palais. Natürlich. Aber es existieren dort ja nur Palais.
Klingel mit „Bridge“, die schwere Eingangstür summt und öffnet sich. Der Bridge-Club im ersten Stock. Ein Gast ist des Englischen mächtig: Ja, wir mögen um vier Uhr Nachmittag kommen.
Also kamen wir, meine Frau und ich. Und standen herum in den sich schnell füllenden Sälen mit den Bridgetischen.
Groß sind die Säle nicht, dafür gut sechs Meter hoch, kunstvoll stuckverziert und mit typisch venezianischen Leuchtern, die vielleicht bei Kammermusikabenden genügend Licht verbreiten, aber nicht bei Bridge. Deshalb brannte über jedem Spieltisch eine eigene Lichtquelle.
Wir sollten uns irgendwo hinsetzten, meine jemand. Wir setzten uns. Und der Turnierleiter fragte uns nach dem System: „4 card major“.
Es wurde zufrieden genickt.
Die erste Aktion: Die vier Spieler am Tisch hatten jeder eine Karte zu ziehen. Der Höchste saß auf Nord.
Um es kurz zu machen. Es spielten 17 Tische. Etwa gleich viel Herren wie Damen, letztere mit teurem Schmuck.
So etwas an Naturale hab’ ich noch nicht erlebt. Sogar alertiert wurde, wenn ein Paar 5-er-Edelfarben spielte. Unser „Multi“ wurde bestaunt und wahrscheinlich aus Höflichkeit toleriert.
Ein Board (EINES) wurde aufgelegt. Irgendwann kam der Turnierleiter, kassierte sieben Euro pro Spieler – egal ob Italiener, Clubmitglied oder Gast.
Ein „Buena sera“ war an fast allen Tischen das Maximum der Konversation. Besonders fiel (mir) der Gestank nach toten Zigaretten auf. Kunststück. Kaum war diese eine Hand gespielt, standen die meisten Gegner auf – nein, nicht um Platz zu wechseln, sondern um in einen kleinen Vorraum zu gehen, um hastig vier, fünf Zigarettenzüge zu „geniessen“. Dann wurde die Zigarette abgetötet und mit zum Tisch genommen, um nach der nächsten Partie draußen am Gang weiter zu rauchen. In diesem Vorraum wurden von einer wohlbestückten Bar aus, Getränke verkauft, aber nichts zu Essen. Kein Wunder, dass sich die Spielkarten in ausgezeichnetem Zustand befanden.
Nach zehn Runden: Pause. Nein, eigentlich Ende. Alle standen auf und spazierten herum. Zehn Hände und Ende? Erschöpfung? Und das in Venedig, wo ich früher beim großen Turnier am Lido von zwei Uhr Nachmittag bis drei Uhr früh Team spielen musste?
Das Turnier ging aber weiter: Etwa die Hälfte der Nord-Süd-Paare wurde zu Ost-West. Sechs Runden a einem Board wurde gespielt, dann war das Turnier zu Ende. Es gab einen Sieger über den Saal, aber dieses gescrambelte Mitchell war für mich trotzdem undurchschaubar. Unser erspielter Platz: Irgendwo mit 53 Prozent.
Am nächsten Tag, einem Sonntag, starteten wir um vier Uhr Nachmittag einen zweiten Versuch. Nur sieben Tische. Wieder nur ein Board pro Runde. Wieder Wechsel der N-S-Paare. Nach 14 Händen war alles vorbei. 3. Platz und dafür 20 Euro (!) Preisgeld.
Leider konnte mir niemand das Movement genauer erklären. Und ich verspreche, ich werde mich nicht dafür einsetzen, dass wir es ebenso spielen.
Gerhart Pistor
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